Lukas Maisels Romanprojekt «Moritat von der Meeresbitteren» ist als Vorgeschichte zu seiner Novelle «Tanners Erde» (2022) konzipiert. Der Söldner Tanner desertiert und will in seine Heimat zurück. Kurz vor dem Ziel, als sich die Weiterreise verzögert, hört er von einem Heimatlosen die titelgebende «Moritat der Meeresbitteren», die in fünf Bildern erzählt wird. Bild für Bild tauchen wir mit Tanner ein in das Schicksal von Maria, deren Geschichte Maisel an das reale Vorbild der Nordinderin Phoolan Devi (1963–2001) anlehnt, aber in die Schweiz des 18. Jahrhunderts transferiert. So entfaltet sich nach und nach eine Geschichte über patriarchale Gewalt und weibliche Selbstermächtigung. Mit einer ebenso unkonventionellen wie eindringlichen Erzählkonstruktion und einem hohen Mass an Fabulierlust entwirft Maisel das Sittengemälde jener auf Ausschluss basierenden Klassengesellschaften, die Europas Länder am Vorabend der Französischen Revolution waren — und es viel zu sehr noch immer sind. Dieses innovative Romanprojekt zeichnet das Aargauer Kuratorium mit dem Werkbeitrag aus. Alisha Stöcklin und Daniel Graf

 

LUKAS MAISEL, *1987, Nesselnbach, Werkbeitrag, CHF 30’000. #lukas.maisel
Visuals: Porträtbilder © Christina Brun