Jens Nielsens Buch- und Bühnenvorlage «Seeigelsolo» erzählt auf eine Weise von Demenz und drohendem Ich-Verlust, wie man es noch nicht gelesen hat. Der Autor wagt viel — und gewinnt. Nielsens sprachartistischer Text vollzieht einen performativen Seiltanz und zieht damit die radikale Konsequenz aus seinem Thema: Wenn einer die eigene Geschichte und sein Verhältnis zur Welt nicht mehr in gewohnter Weise erzählen kann, dann lässt sich das nur einfangen, wenn jenseits der Linearität des logischen (Erzähl-)Raums erzählt wird. Zersplittert, fragmentarisch. Mit permanenter Unsicherheit, welche Stimme da eigentlich gerade hörbar wird. Aber diese «Gesprochene Prosa», so schonungslos ehrlich sie ist, wirkt nicht düster. Sie ist traurig und schön, liebe- und humorvoll, existenziell und lebensbejahend. Dieser Text atmet und er kitzelt in den Ohren. Und er setzt keinen Punkt — jeder Satz bleibt ein Anfang und ein offenes Ende. Mit Freude unterstützt das Aargauer Kuratorium dieses faszinierende Romanprojekt mit einem Werkbeitrag. Alisha Stöcklin und Daniel Graf
JENS NIELSEN, *1966, Zürich, Werkbeitrag, CHF 30’000. jens-nielsen.ch
Visuals: Porträtbilder «Im Kampf mit dem Manuskript» und «Beim Lektorat» sowie klassisches Porträt © Christian Lanz. Performance «Der Venediger», Solothurner Literaturtage, 2024 © zVg